Naturheilkunde und die den Naturheilverfahren zugeordnete Phytotherapie sind keine exotischen oder unwissenschaftlichen Disziplinen.

 

Die Phytotherapie ist die Wissenschaft, die sich mit der therapeutischen Anwendung von Heilpflanzen und pflanzlichen Heilmitteln beim kranken Menschen/Tier befasst. Die Bezeichnung Phytotherapie wurde von dem französischen Arzt Henry Leclerc als ein international verständlicher Begriff eingeführt und ist als eine klare Abgrenzung zur unwissenschaftlichen Kräutermedizin zu verstehen. Über die in der Phytotherapie eingesetzten Heilpflanzen liegen wissenschaftliche Wirksamkeitsnachweise vor. Grundlagen für die Phytotherapie sind heute die vorliegenden deutschen und europäischen Monographien, die sich im Wesentlichen auf die Inhaltsstoffe und ihre Wirkungen sowie auf Nutzen und Risiken konzentrieren.“

Die Phytotherapie ist Bestandteil der medizinischen Ausbildung an Humanmedizinischen und Pharmazeutischen Bildungseinrichtungen. In der Pharmazie ist sie der Pharmazeutischen Biologie zugeordnet, die ein fester Bestandteil aller Pharmaziestudiengänge in Deutschland ist.

Nur Ärzte und (Tier-)Heilpraktiker dürfen mit entsprechendem Vorwissen Phytotherapie berufsmäßig anwenden. Sich „Phytotherapeut“ zu nennen ist jedoch jedem erlaubt, da der Begriff nicht geschützt ist. Was nun der Ein oder Andere von der Ausübung der Phytotherapie durch Tierheilpraktiker / Heilpraktiker hält, soll hier nicht näher diskutiert werden.

Naturheilverfahren/Naturheilkunde

Der Begriff Naturheilkunde bezeichnet die Lehre der Naturheilverfahren und Naturheilmittel, welche die körpereigenen Fähigkeiten zur Selbstheilung durch in der Natur vorkommende Stoffe und Reize aktivieren sollen. Naturheilmittel sind Teile der natürlichen Umwelt; dazu gehören Heilpflanzen, wichtige Nahrungsbestandteile, Heilwässer und natürliche Mineralien, ebenso wie natürliche Zustände oder physikalische Bedingungen der Natur, wie Hitze, Kälte, Bewegung und mechanische Krafteinwirkung, welche zur Pflege, Förderung und Wiederherstellung der Gesundheit eingesetzt werden.

Naturheilverfahren hingegen bezeichnet den sachgerechten Umgang der Naturheilmittel am Organismus selbst. Diese Therapiemethoden arbeiten mit physikalischen, manuellen, sensorischen, alimentären und psychischen Reizen und sind in klassische und traditionelle Naturheilverfahren zu unterteilen.

Traditionelle Medizin bezeichnet das Wissen, die Fertigkeiten und die Praktiken, die auf Theorien, Annahmen und Erfahrungen beruhen, die aus den verschiedenen Kulturen stammen und die zur Aufrechterhaltung der Gesundheit und zur Prävention, zur Diagnostik und zur Linderung oder Behandlung von physikalischen und mentalen Erkrankungen verwendet werden. Die Traditionelle Medizin deckt eine große Breite von Therapien und Praktiken ab, die von Land zu Land und von Region zu Region wechseln“.
Typische Vertreter traditioneller Medizinsysteme sind die Chinesische Medizin, der Ayurveda aus Indien oder die Kampo-Medizin aus Japan.

Naturheilverfahren im humanen Medizinstudium

Als am 01.10.2003 die 9. Revision der Approbationsordnung für Ärzte (ÄApprO) in Kraft trat, wurde der Querschnittsbereich 12 „Rehabilitation, Physikalische Medizin und Naturheilverfahren“ als prüfungsrelevanter Inhalt des Humanmedizin-Studiums aufgenommen.

Im nationalen kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin aus dem Jahr 2015 sind unter den Punkten 16.9.1.12 und 16.9.1.13 Naturheilkunde, Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Phytotherapie etc. als definierte Kompetenz, bzw. definiertes Lernziel unter der Notwendigkeit eines Leistungsnachweises mit aufgeführt. Die naturheilkundliche Ausbildung ist somit, wenn man den Zeitraum von 2002 bis 2018 betrachtet, fest im Lehrplan der Humanmedizinischen Fakultäten verankert worden.

Fazit
In der Pharmazie und der Humanmedizin ist die Naturheilkunde und v. a. auch die Phytotherapie Bestandteil der universitären Ausbildung und somit Teil der schulmedizinischen Ausbildung. Bedauerlicherweise hinken die Veterinärmediziner in diesem Bereich noch hinterher. Der Grund liegt aber nicht in der mangelnden Wirksamkeit der Mittel und Verfahren begründet. Auch mangelt es keineswegs an anerkannten wissenschaftlichen Nachweisen, wie immer wieder gern behauptet wird. Das Problem liegt vielmehr darin begründet, dass sämtliche Fähigkeiten und Kenntnisse in den naturheilkundlichen Bereichen auf freiwilliger Basis parallel zum Studium/Praxisbetrieb bzw. in der „Freizeit“ erworben werden müssen und erhebliche finanzielle Belastungen für den interessierten Tierarzt bedeuten. Diesen finanziellen Belastungen stehen aber keine zusätzlichen finanziellen Vorteile für die Praxis / den Praxisinhaber entgegen und sind daher für den Geschäftstüchtigen nicht lukrativ. Es verwundert daher nicht, das nur Tierärzte, für die die Naturheilkunde als integraler Bestandteil moderner Medizin eine Herzensangelegenheit ist, alle mit der Ausbildung verbundenen Nachteile (finanziell, zeitlich) zu erleiden bereit sind, was oft nicht ohne die Unterstützung eines „normal“ verdienenden  Partners möglich ist, den selbstverständlich nicht jeder im Rücken hat.